Henry Miller · 2008-07-13 13:18 von ich
Wendekreis des Krebses
Wenn man ihm heute sagen würde, dass er zu den Klassikern zählt, also der Kategorie zugeordnet wird, die er gehasst hat, weil er in ihnen “die Pranke des Löwen vermisst”, tja, was dann? Würde er einem ins Gesicht lachen? Großartige Deutungen über Mensch, Raum und Zeit, selbst die schwafeligen Passagen (die ihm den Stempel des Surrealismus aufwürgen) wirken auf eine bestimmte Art und Weise, wenn man sie in angemessenem Tempo überfliegt. Die Beschreibung seiner Wahrnehmungen sind immer noch aktuell, die Welt immer noch – oder schon wieder – kurz vor dem Zerbersten. Und die Europäer jammern und nörgeln immer noch herum, während die Amerikaner einfach tun. Gut möglich. Beeindruckend jedoch auch die globalen Dimensionen, die Miller mit seiner deduktiven Methode aus den Individuen zieht, die ihn bei seiner unentwegten Suche nach EINER MAHLZEIT über den Weg liefen: “Der junge Hindu [ein Jünger aus dem Kreise Ghandis, den Miller als Ortskundiger die Bordelle der Stadt zeigt] freilich ist optimistisch. Er war in Amerika und wurde von dem billigen Idealismus der Amerikaner angesteckt, verdorben durch die überall vorhandene Badewanne, den Schund der Fünf- und Zehn-Cent-Läden, die Rührigkeit, die Geschäftstüchtigkeit, die Mechanisierung, die hohen Löhne, die Volksbibliotheken usw. usw. Sein Ideal wäre, Indien zu amerikanisieren. Er ist durchaus nicht begeistert von Ghandis rückschrittlicher Manie. VORWÄRTS, sagt er, wie ein YMCA-Mann. Während ich seinen Erzählungen über Amerika zuhöre, erkenne ich, wie töricht es ist, von Ghandi das Wunder zu erwarten, das der Schicksalstendenz eine andere Wendung geben soll. Indiens Feind ist nicht England, sondern Amerika. Indiens Feind ist der Zeitgeist, die unabwendbare Richtung. Nichts wird gegen diesen Ansteckungsbazillus etwas ausricheten, der die ganze Welt vergiftet. Amerika ist die wahrhaftige Inkarnation des Verhägnisses. Es wird die ganze Welt in den bodenlosen Abgrund reißen.” Was bekanntlich seit dem verfassen des Textes um 1930-32 des öfteren geschah. Mehr davon: “Wer Brot will, muß ins Geschirr, muß in Reih und Glied marschieren. Über die ganze Erde breitet sich eine graue Wüste, ein Teppich aus Stahl und Zement. Die Produktion! Mehr Schraubenmuttern und Nägel, mehr Stacheldraht, mehr Hundekuchen, mehr Rasenmäher, mehr Kugellager, mehr Sprengstoffe, mehr Panzer, mehr Giftgas, mehr Seife, mehr Zahnpasta, mehr Zeitungen, mehr Bildung, mehr Kirchen, mehr Bibliotheken, mehr Museen. VORWÄRTS! Die Zeit drängt.” Und heute noch mehr als damals? Langsam verliere ich den Glauben daran, es war möglicherweise nie anders. Nur wer nicht in “Reih und Glied” marschiert bekommt davon überhaupt etwas mit. Die anderen wundern sich über die nervösen Zuckungen in den Augenwinkeln oder sonstige Symptome, gehen zum Doktor und schlucken die bitteren Pillen, die ihnen kurzzeitig Linderung verschaffen und langfristig abhängig machen. Von dem System, für das sie marschieren, für das sie die Welt mit einem “Teppich aus Stahl und Zement” überziehen.
Was mich an diesem Buch verwirrt hat, ist die Kategorie, die Schublade, in die dieser Text eingeordnet wird: ROMAN? Warum das? Wahrscheinlich damit wir uns selbst die Frage stellen, was real und was erfunden ist – oder besser gesagt: was real und was erfunden zu sein scheint. Schicksal und Traum mischen sich, es bleibt einem nichts anderes als auszuhalten, sich zusammenzureissen und von der aufwallenden Panik nicht anstecken zu lassen. Wikipedia findet auch darauf eine Antwort, auch wenn ich sie nicht verstehe: “Fiktionalität wird oft als Definitionsmerkmal genannt, ist jedoch keine Voraussetzung. Erzählungen werden in dem Moment als Romane betrachtet, in dem ihre Erzählkunst, ein vergleichsweise vertraulicher Umgang mit dem Leser, oder ihre „tiefere Wahrheit“ vorrangig gewürdigt werden.” Welche „tiefere Wahrheit“? Ist es die Finale Weisheit, der wir alle – von Zeit zu Zeit – hinterherjagen? Schreiben wir mit unserem Leben alle Romane, sobald wir die Aufnahmetaste bei unseren Erkenntnisversuchen drücken?! Es wäre unser Recht, wenn nicht sogar unsere verdammte Aufgabe, egal wie wir diese Versuche bezeichnen, weil “die Aufgabe, die sich ein Künstler stellen muß, darin besteht, vorhandene Werte zu stürzen, aus dem Chaos, das ihn umgibt, seine eigene Ordnung herzustellen, Aufstand und Gärung zu säen, so daß durch die emotionale Befreiung die Toten wieder zum Leben erweckt werden.” HAIL ERIS, ALL HAIL DISCORDIA!
Kommentare [1]

Das fünfte Flugzeug · 2007-09-11 09:20 von Stella M
Ein literaischer Hinweis für Menschen, die Zeit haben, ein Buch SOFORT durchzulesen:
1. Er/sie kaufe, leihe oder synthetisiere anderweitig John S. Cooper “Das fünfte Flugzeug”
2. Ignoriere die ablenkende Kategorisierung des Verlages als “Thriller des Monats”
3. Lasse sich Seite um Seite verführen, seine eigenen Schlüsse um 9/11 Revue passieren zu lassen und bewundere den Autor dafür, dass er sämtliche bekannte Verschwörungstheorien zu einer noch besseren zusammen bekommt
4. Verkneife sich seine klugscheißerischen Einwände in Bezug darauf, dass der Verfasser gar nicht ALLE Stories um diese seltsame Ereignis erwähnt hat
5. ...und staune, mit was für Energie und breitem Wissen da vorgegangen wurde, um dem Leser eine wunderbare Story zu kredenzen, die im Gegensatz zu Kulla herrlich verspielt daher kommt und den/die LeserIn selbst im Unklaren lassen kann.
6. Okay, man verzeihe dem Verfasser (oder wars eine Frau?), die vielen Referenzen an amerikanische Genres, was manchmal recht dich aufgetragen wird.
Hinzuzufügen bleibt, dass John S(herman) Cooper ein US-Politiker der Republikanischen Partei und für insgesamt 20 Jahre Senator von Somerset (Kentucky) war. Cooper studierte an der Yale-Universität, an der er auch in die dortige Studentenverbindung Skull & Bones aufgenommen wurde. Er war Mitglied der Warren Commission (die zur Aufklärung des Kennedy-Mordes gebildet wurde), war ein Hauptmann der United States Army und US-Botschafter in Indien und der DDR.
Aber vielleicht bezieht sich dieses Pseudonym ja auch auf etwas ganz anders. Fest zu stehen scheint, dass sowohl der Verfasser ein Alias- Name ist als auch der angebliche Übersetzer aus dem Amerikanischen Sam van Heist. Aus einem der 701 Wort- Anagramme die man aus diesem Namen machen kann, ergibt sich übrigens Vietnam Hass, aber auch Massive Naht… . Whatever, ansonsten hat`was von van Helsing. Aber da sind wir schon wieder bei den nächsten Spekulationen… .

Henry David Thoreau · 2007-07-30 12:40 von ich
Akademische Leistungsverweigerung hat eine lange Tradition: vor 153 Jahren erschien das Buch “Walden – or Life in the woods” von Henry David Thoreau. Darin geht es nicht unbedingt um die Romantik des Lebens in der Natur, sondern auch um eine fundamentale und in großen Teilen noch heute gültige Kritik an der Industriegesellschaft – wie gesagt, vor über 150 Jahren, also zu einer Zeit, die gewöhnlich die gute alte genannt wird.
Ich also, auf der rastlosen Suche nach dem Ursprung der Ruhelosigkeit, in der allgemeinen Sprachverwirrung auch FLEIß genannt, fand in der Rowohlt Monografie “H.D.Thoreau” von Klumpjan eine Zusammenfassung, die es auf den Punkt bringt (S.62):
“Wie Thoreau richtig erkannte, gingen seine rastlosen Landsleute unbewußt von der Annahme aus, daß das Glück im gleichen Verhältnis wie der materielle Lebensstandart anwachse. Dies, so hielt Thoreau ihnen entgegen, war jedoch ein fundamentaler Irrtum. Denn zum einen wurde der Zuwachs an Befriedigung immer geringer, je mehr man bereits hatte, und zu anderen standen das Ziel der steten Mehrung des materiellen Wohlstands und das Ziel des Glücklichseins in einem unaufhebbaren Konflikt zueinander: ‘Die meisten Luxusgüter und viele der sogenannten Bequemlichkeiten des Lebens sind nicht nur entbehrlich, sondern ausgesprochene Hindernisse für die Höherentwicklung des Menschen [...] Ein Mensch ist so reich, wie die Anzahl der Dinge auf die er verzichten kann.’
Denn als einziges mit einer Geistseele ausgestattetes Geschöpf war der Mensch zur Erlangung des Glücks auf die Befriedigung höherer als nur der körperlichen Bedürfnisse angewiesen. Eine Wachstumswirtschaft konnte ihm zwar einen Überfluß an materiellen Gütern verschaffen, nicht aber jene geistig-seelische Nahrung deren der Mensch auf Grund seiner spezifischen Natur nun einmal bedurfte.”
Thoreaus Kritik richtete sich also vor allem auf die materielle Einseitigkeit des Menschen, seine “blinde und unmenschliche Liebe zum Reichtum”. Parallelen zu Max Webers “Die protestantische Ethik und der ‘Geist’ des Kapitalismus” werden sichtbar, so auch weiter in der oben genannten Monografie (S.63):
“Anders als sein Zeitgenosse Karl Marx drang Thoreau damit in seiner Kritk des Wirtschaftslebens bis zu den Wurzeln der Mißstände in den menschlichen Individuen selbst vor, wobei er allerdings die Ebene der sozialen Institutionalisierung bei seiner Analyse sozusagen übersprang [...] Der Kapitalismus war für ihn nicht einfach eine bestimmte Wirtschaftsordnung, sondern der sozio-ökonomische Ausdruck des herrschenden Seelenzustandes. Der in Neuengland vorherrschende Menschentyp war nach Thoreaus Auffassung dadurch gekennzeichnet, daß sich die Vernunft hier auf den kalkulierenden Verstand verkürzt hatte und dieser dann ganz in den Dienst einer ungehemmten Habgier gestellt wurde. Der Wunsch nach steter Vermehrung des privaten Besitzes war für die Mehrheit der Yankees offensichtlich zu einer Art Droge geworden, von der sie sich nicht mehr abzulösen vermochten. Die materiellen Ergebnisse ihrer krankhaften Abhängigkeit vom Erwerbsbetrieb, das rapide ökonomische Wachstum nämlich, diente ihnen zur ideologischen Rechtfertigung der Fortsetzung eines einmal eingeschlagenen Irrwegs.”
In diesem Irrweg sind nicht nur die Yankees mehr oder weniger gefangen – auch über 150 Jahre später noch. Vernunft wird zu häufig mit Ratio verwechselt und ist ausschliesslich zur Mehrung des materiellen Besitzes sinnvoll. Wie finden wir aus dem Irrweg wieder heraus – und was könnte die Alternative sein? Ein Vorschlag: alles verkaufen, Konten, Versicherung und Renten auflösen, ein kleine Hütte nach diesem Vorbild bauen und mit dem Leben beginnen…

Thoreauism II · 2007-07-01 14:16 von ich
Wie die Zeit vergeht. Der große und über allem stehende Computer hat die Leitung gekappt – und zwang mir so ein Gespräch mit einem Astronomen auf, vielmehr ergab es sich einfach so, völlig grundlos. Bis jetzt steht der Grund jedenfalls nicht fest, weil der einzige Weg ihn zu ergründen von der Telefonkompanie verteuert wurde. Es ist nicht so, dass es unbezahlbar teuer geworden ist, aber es geht ums Prinzip. Irgendwann werden wir die großen Computer um ein Schluck Wasser anflehen, möglicherweise, und sind auf seine Gunst angewiesen. Ein Blick zurück wird die Richtigkeit dieser Zeilen bestätigen, wenn man denn wirklich will, weil es ist nicht einfach einfach zu leben, was man nachweislich schon vor 150 Jahren wusste, wenn meine Zeitberechnungen stimmen.
Einfach zu leben war immer schwer und ist es heute noch, UND der Grund ist ganz einfach, dass Harmonie ganz einfach zu langweilig wäre. Das Gehirn braucht ständig neues Futter und so wie wir uns mit leicht zu verdauenden Kohlenhydraten und Fetten mästen, will das Hirn mit leicht zu verarbeitenden Informationen gestopft werden. Wenn jemand darauf achten würde, ja was dann? Vielleicht gäbe es dann nur noch Dostojewski und schwere Klaviermusik, die “unergründbare Klangfülle und Tiefe hat”. Vielleicht würden die Menschen auch aussterben, weil niemand mehr Lust auf körperlichen Schmutz hat – ein Bettlaken kann man zwar waschen, aber diese Bakterien und Viren, die dabei übertragen werden. Nein, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit wäre es eine Welt, in der wir alle an einsamen See mit ständigem Sonnenuntergang leben und trotzdem sterben, obwohl wir es nicht wollen. Aber wir wären uns dessen bewusst und hätten mehr ZEIT.
“Aber was solls Mann, der RAUSCH ist der Gleiche” hatte ich ein paar Stunden vorher zu ihm gesagt, seitdem haben sich ein paar Neuigkeiten ergeben. Ich hatte herausgefunden, oder es ergab sich einfach das ich herausfand, dass er Stehpinkler war – der Zeit und Situation völlig angemessen – und das er tatsächlich in der Hausnummer 23 wohnte. Das genügte mir. Ein aufziehendes Gewitter im Hintergrund: ein weiteres Zeichen, dass sie mich auserwählt hatten. Oder war es die Paranoia des Rausches? Aber es wimmelt immer mehr von wahnsinnigen Typen dort unten, dessen bin ich mir recht sicher. Karten- und Handtaschendiebe, die felsenfest etwas behaupten (“Das ist meine Handtasche!”) und auch nicht durch hysterisches Kreischen einer im Regen stehenden Crack-Nutte (oder tue ich ihr unrecht?) von dem Gegenteil überzeugt werden können – da UNTEN, in der Gosse, die sich langsam von dem herannahenden Gewitter mit kristallklarem Wasser gefüllt wird und dann schmutzigbraun in den Gulli fliesst und den ganzen Scheiss mit sich nimmt. Die ersten Schüsse fallen, ich kann es mir bildlich vorstellen, oder ist es das Donnergrollen? Die Freunde und Helfer machen das ganz routiniert, aber man merkt ihre Anspannung. Solange sie ihre Arbeit nicht zu ernst nehmen, also nicht auf den miesen Arbeitstrick der großen Maschine hereinfallen…
Der Grund für alles ist schwer zu erklären, wieviele Versuche gab es schon, auch das herauszufinden schier unmöglich. “Den Fuß aus der Falle ziehen, zur Not abnagen”, sagte eine anderer sternverbundener Erdenbürger einmal, der noch nicht die Sterne nur als Statistik sehen musste, unglaublicher Frevel! “Die Ausdehnung des Universums, die alles andere als im Gleichgewicht ist, verursacht die Unruhe” ich will hier nicht für die Richtigkeit jedes seiner einzelnen Worte bürgen, aber so ähnlich lautete die Antwort auf das WARUM? Sehr poetisch, vielleicht ein bisschen zu doll, aber immer noch besser als nur eine oder mehrere Zahlen, sei es die 23 oder 46 oder 137. “Mir persönlich gefallen Primzahlen am Besten” “Echt – wow, mir auch!”. An dem gleichen Tag, beim betrachten einer Orchidee sagte er so in etwa: “Ich weiss nicht, ob wir die Frage falsch formulieren”, “Was?”, “na das mit der Symmetrie der Blüte und ob daraus Schönheit entsteht”, “Wer denkt son Scheiss?”, fragte ich. Ich krümmte mich (innerlich) vor lachen, aber vielleicht hatte er Recht. Jetzt gerade, in diesem einsamen Moment, hier oben über allem Schmutz, hinter Sicherheitsschlössern, bei angenehmen Temperatur und ohne störendes Hungergefühl (“Ich steh’ sogar manchmal nachts auf”) würde ich es bejahen. Ich denke jetzt gerade “ja”, aber immer wenn ich Hunger habe, denke ich nicht an sowas und betrachte keine Orchideen. Sexualorgane und Bilder von Hummeln (www.bombus.biz) kann ich mir bei Bedarf auch herunterladen.
Gut, die Frage wurde falsch gestellt. Wir sind eben alle so etwas wie Hummeln, haben jedenfalls die gleichen Wurzeln in der lebendigen Welt. Vielleicht gibt es eines Tages eine Maschine, die sich die gleichen Fragen stellt, und sich Gedanken über “Ästhetik” oder “genitale Ähnlichkeiten” macht. Noch ist es jedenfalls nicht so weit, dass sollte an dieser Stelle nochmal hervorgehoben und herausgestrichen werden. Trotzdem ist es ein schöner Gedanke, wenn auch etwas beunruhigend, so FREI. Niemand bestimmt, was ich zu denken und zu tun habe, weil wir von Maschinen versorgt werden. War das nicht die ursprüngliche Idee des Unternehmens “Fortschritt”? Es ging zu Anfang nicht darum, alles auf Gewinnmaximierung auszurichten, was nun dazu führte, dass Astronomen durch Tabellen auf Monitoren auf die Sterne sehen (nicht blicken). Wonach sucht er dort? Ich konnte ihn nicht mehr fragen, die Paranoia war zu stark. Beim Blick auf eine Wandkarte sah ich im Augenwinkel, wie er irgendetwas in die Hosentasche steckte. Völlig sinnlos überlegte ich was es sein konnte – es gab hier nichts zu klauen! Ich versaute das Gespräch nur für ein paar Augenblicke, aber das Vertrauen ist dahin, bevor es sich richtig aufbauen konnte. Nun ja, es wird sich zeigen, wenn ich ihn in der Hausnummer 23 besuchen werde. Ich bin bereit.
Irgendjemand sagte auch einmal: “Ich kann mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, dass sie sterben werden”, wahrscheinlich war derjenige in Statistiken verliebt, aber ich dachte, dass das zu EINFACH ist. Oder zumindest nicht ganz so poetisch ausgedrückt und da es schwer ist, von Poesie leben, bleibt nur die Beschäftigung mit der großen Maschine. Ich hätte nie gedacht, zu Lebzeiten einmal mit ihr in Kontakt zu treten. Mit IHR, nicht mir irgeneiner sie abbildenden Statue, keinem Götzenbild. Im nachhinein ist natürlich alles klar, die körperlichen Anzeichen wurden offensichtlich: Allergien und Kopfschmerzen, Krebs und Pest deuteten die Probleme an, oder bildeten sie ab, je nach Geschmack, aber die Ausdehnung des Universums – das böse CHAOS lässt sich nunmal nicht aufhalten. Der Wunsch nach ewiger Ruhe wird in unseren Tod projeziert, wir lassen uns zu leicht blenden, wie von der Sinnhaftigkeit unseres Lebens, oder unserer Arbeit. Etwa um 1850 schrieb Thoreau, dass er von 6 Wochen Arbeit pro Jahr ein ganzes Jahr leben kann. “Und was machte er denn Rest der Zeit”, fragen alle gehirngewaschenen Äffchen (ich auch, als ich das erste Mal davon las), er nannte es, “sich den Studien widmen”, aber es war nichts weiter als das betrachten der Schöpfung, die Vorwegnahme der Ewigkeit nach dem Tod und der direkte Weg zur Transzendenz, so auch der Name der Schublade, die für diese Denkweise gezimmert wurde. Aber Niemand frugte sich, warum denn Niemand Lust auf “Studien” hatte, und so frug denn dieser Niemand den TRANSZENDENTALISTEN Thoreau “was denn diese Studien seien?”, holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete es mit dem Feuerzeug, steckte sich eine Zigarette an, und setzte sich vor den Fernseher.
Der Unterschied ist, das Thoreau keinen Strom zum Fern sehen brauchte, auch kein Flugzeug, noch nicht mal eine Bahn. Fernsehen ist also keine Erfindung des Fortschritts in der Funktechnik, sondern das Unvermögen derjenigen, die dafür Strom brauchen (Na-na-na, ganzschön frecher Gedanke). Also es gab damals noch nicht so viel, aber die Menschen waren schon mit dem gleichen Virus der Unruhe infiziert, aber es waren noch nicht ganz so viele wie heute, wo wir an den Ächzpunkt stossen. Und wenn es heute noch keine Filme zum herunterschlucken gibt, dann nur, weil wir – das heisst die meisten, derer die bestimmen – Skrupel haben. Aber das wird schon. Und es wird COOL – GROOOVY. Irgendwann ist auch das deutlich spürbare ächzen im Gebälk cool, oder es wird zumindest egal sein. Wir werden uns schon daran gewöhnen, wie wir uns eigentlich an alles gewöhnen könnten, auch an ein einfaches Leben in einem Holzfaß oder in einer einsamen Berghütte. [Draussen hat es nun wieder stärker zu regnen begonnen, aber es blitzt nicht mehr.] Der Bezug zur “Schöpfung” wird immer schwierig sein, wenn einem der Magen knurrt, oder etwa nicht? Wir könnten uns auch an ein Leben ohne Arbeit gewöhnen, vielmehr werden wir das tun müssen, wir dürfen nur nicht die generelle Entscheidung aus der Hand geben und für uns schalten und walten lassen. Aber das schien ja schon immer das Problem zu sein: die Fokussierung auf das wesentliche Leben. Mir fällt gerade eine Übereinstimmung mit meinem Astronomen auf, vielleicht ist das so etwas wie die Sprache des “ganzen Mists”, wie er sich manchmal auszudrücken pflegte, wenn er zunahe an die Enträtselung gekommen ist. Danach fehlten sogar ihm die Worte. Ich bin ein kleines Äffchen, erahne nicht, was es noch alles zu sehen gibt, aber es könnte durchaus sein, dass diese Erfahrung der Freiheit zuviel für ihn war, weshalb er dann wohl auch abgeschaltet werden soll(te), je nach dem, ob er noch ist oder schon war.
Diese Verbundenheit war es jedoch, die ihm die Ängste und Wahnvorstellungen der einzig wahren Realität nahm. Er wusste zwar nicht, ob ihm jemand übel nachredete, aber es war ihm tatsächlich völlig egal. Einmal viel mir auf, das wir darüber nie gesprochen hatten, ebensowenig wie eine Frage, die ich jetzt gerne an ihn stellen würde: ob er ES nämlich von Anfang an wusste. Wahrscheinlich würde er diesen Gedanken mit einem hohlen “Ist doch egal” wegwischen. Das ist es ja auch wirklich, aber ich würde es trotzdem gerne wissen, ganz egal warum. Das einzige was zählt, ist der Rausch und die frische Sommerluft. Die Angst auch von ihm beschissen zu werden war jedoch nicht ganz unbegründet, denn wer von seiner eigenen Maske=Person weiss, der nimmt das auch von allen anderen an. Deduktion nennt man sowas glaube ich und die bildet zusammen mit ihrem grössten Widersacher, der Induktion, sowas wie den Hauptpfeiler des GROSSEN FUNDAMENTES, der Erkenntnis, die Realität genannt wird. Der Schleier zu dieser Erkenntnis kann nur durch spezielle rauschähnliche Substanzen gelüftet werden, die entweder von aussen zugeführt werden oder ganz im Innern entstehen. Das Resultat ist der grösste Widersacher der Realität, also das Chaos. Aber bleiben wir bei den harten Fakten, es bringt uns nicht weiter, unsere Träume zu erzählen, wenn wir sie nicht anfangen zu leben. Das dazu nicht “nicht viel”, also weniger als wir heute haben. Nicht “Big Money, big Cars, big Engines”, schnellere Gespräche über schnellere Datenverbindungen, sondern die Schere, die das Kabel zerschneidet.
Doch Vorsicht, erst den Stecker ziehen, dann das Kabel trennen, denn es ist nur bildlich gemeint. Ich hätte schreiben können “ausschalten”, aber das klingt abgedroschen Weise, und Weisheit ist seit der Erfindung der Werbung in Verruf geraten, seit nämlich sogar die Reduktion auf das Wesentliche wächst. Keine Ahnung, ob DAS auch mit der Ausdehnung des Universums zu tun hat, jedenfalls ist es so. Dabei ist es so einfach. Die Zeit ist abgelaufen, das Licht fällt aus, Blitze zucken in der Ferne. Selten war es so ruhig, nur darf ich das richtige Atmen nicht vergessen. Ein Traum fällt mir ein, von einer winzigen Chili-Shote auf einer vorher nie bemerkten Taste auf der Tastatur meines Computers und ich erinnere mich: als ich sie drückte, wurden alle Arbeiten der letzten Tage und Wochen gelöscht. Auf dem Monitor waren für einen kurzen Augenblick die Tabellen und Diagramme und Resultate zu sehen, danach begann ich, sie zu suchen, durchwühlte Berge von Papier, fand nur ein paar schlampige Ausdrucke, wollte die als Beweis meiner Tüchtigkeit sichern, verlor dann aber das Interesse an diesen bekloppten Daten und der Traum ging weiter. Soll ich nun beginnen, den Traum zu deuten, DARF ICH es überhaupt, ohne ein Diplom in Tabellenkalkulation? Ich habe mir kurz den Finger verbrannt, na und? Der Traum ging weiter, wer will, darf sich so auch den Tod vorstellen, wenn es hilft. Wir stellen die falschen Fragen, statt uns mit Zwängen der Realität zu betäuben, könnten wir uns in die Transzendenz flüchten, das gab es zu allen Zeiten. Atmen, Fressen, Sterben und noch eins, zwei – objektiv betrachtet völlig belanglose – Sachen mehr hat das Leben zu bieten, kein Wunder, dass wir uns nach Herausforderung sehnen. Ein bekannter Politiker nannte es mal “Action”, obwohl es geschrieben nicht richtig rüberkommt, er verschwieg sicher ganz bewusst die wichtige Hälfte, hätte seinen Weg an die Spitze der Pyramide besser “Action-Reflection” nennen sollen, was ihm bestimmt die anderen Bewohner der Pyramide übel genommen hätten. Aber man kann es sich ja dazudenken, es ist ja nicht unmöglich.
Im Klartext: was würde passieren, wenn alle so denken würden – und wie erkennen wir, ob sie das tun? Es würde recht ungemütlich werden, wenn man nicht kurz vorher zur Besinnung kommt. Der Körper ist unglaublich zäh, Schmerz nur eine Einbildung – uns anerzogen, wie der Saugreflex an einer weichen Brust. In uns schlägt das Herz des Neandertalers, des Halbaffen, der Kröte, der Primel und der Hummel. Bei manch einem ist die Primel mehr ausgebildet und bei andern sorgt die Hummel für die Existenz und das Fortbestehen unserer Rasse. Das hat die grosse Maschine so gewollt, aber ist eine RE-KONDITIONIERUNG möglich? Zuviele Fragen und das einzige Wesen, was mir bei der Beantwortung behilflich sein könnte, ist so weit entfernt wie das Grollen des Donners. Dennoch ist keine Spur vom Untergang, der wäre schon langst gewesen, wenn es so einfach wäre. “Der Untergang”, sagte ein indischer Programmierer einmal zu mir “ist so ähnlich wie ein Neustart” und wir lachten, aber klar, es geht um die Re-Konditionierung der Welt, man darf nur nicht so naiv sein, ihr damit GUTES TUN zu wollen. Oder vielleicht doch? Ich weiss es nicht und doch habe ich das Kostbarste genossen: einen Moment der Zeitlosigkeit.

Entschwörungstheorie · 2007-02-25 22:39 von ich
Buch über Verschwörungstheorien und mögliche Gegenstrategien von Daniel Kulla
Ich habe es gerade durchgelesen und muss feststellen, dass ich wesentlich länger dafür gebraucht habe als ich vorher dachte. Aber das war nicht die einzige Überraschung. Und das der Kulla den Bröckers (bzw Bröckers’ Umgang mit den Verschwörungstheorien) nicht mag, steht nun auch fest. Nur warum muss dann gleich eine neue Theorie [1] kreiert werden, um sie mit einem neuen brand zu labeln? Was hat der Autor denn gegen die Verschwörungstheorien, worin sieht er die “Gefahren”? Denke ich zu diskordianisch, wenn ich für eine “Berechtigung der Travestie” eintrete? Auch nicht beantwortet: wo fangen sie an, wo hören sie auf – die Verschwörungen? Ich finde es manchmal übertrieben, wenn zb die Erwähnung politischer Strategien als Verschwörungstheorie bezeichnet wird. Wird wohl daran liegen, dass hier mit einem Modebegriff [2] hantiert wird. Oder bin ich geistig schon zu versaut, wenn ich daran Glaube(!), dass der Krieg im Irak mit den Rohstoffen in der Region zu tun hat? Führt diese Vermutung zu einer zu einfachen Erklärung? Bin ich etwa ein … Verschwörungstheoretiker, Anhänger des Konspirationismus© [3]?!?
So gab es beim Lesen einige nervende Passagen und Formulierungen – warum auch nicht. Dafür gab es auch viele interessante Anregungen: Verschwörungstheorie als Bedürfnisbefriedigung (nach einfachen Antworten in einer komplizierten Welt); zu dem Verhältnis zwischen Karl Marx und Satan; das tatsächlich jemand Jan van Helsing ernst genommen hat und es mehr Beispiele von dieser irren Literatur gibt; das die Bilderberger nur unser Bestes wollen; das MK-ULTRA “eine direkte Reaktion der CIA auf die offenbar umgedrehten Kriegsgefangenen im Korea-Krieg war” (was diese Aktion sicher nicht menschlicher macht); wer “Rechts” und wer “Links” ist/denkt. Insofern doch ein wenig Orientierung. Aber die Travestie [4] – die Kulla so gerne erwähnt und die er für den Erfolg von Verschwörungstheorien mit verantwortlich macht – ist auch ein Problem des Buches. Kulla mag den Gedanken nicht, dass man den Leser / Verschwörungsgläubigen für seinen Glauben selbstverantwortlich macht [5], ich schon. Möglicherweise ist es doch kein Problem des Buches, eher des Autors: es wäre ihm wohl zu leicht sich mit all den Theorien abzufinden und dem Treiben lächelnd zuzusehen. Das führt zurück zu den Gefahren der Verschwörungstheorien, die ich mir in Form von Veränderung – Chaos – Krieg – Tod – Leid zwar vorstellen kann, aber von denen ich mir nicht anmasse, sie verhindern zu können. ERIS sitzt in Köpfen aller Menschen und ist allmächtig!
In diesem Sinne: Hail Eris, All hail Discordia!
[1] “Entschwörungstheorie”
[2] “Verschwörungstheorie”
[3] auch ein vom Autor geprägter Begriff
[4] und noch einer
[5] “Wenn jemand selbst mit dem Label ‘Verschwörungstheorie’ herumläuft, mit ausgeprägtem Interesse für Verschwörungstheorie und die Mechanismen auch kritisch reflektiert, dann ist das Problem wohl eher die Unfähigkeit der Leser sie als Unterhaltung zu erkennen” S.122 Leider wird nicht ganz klar, von wem die Worte sind, stehen in Anführungszeichen, sind aber (wie fast alles in diesem Buch) ohne Quellenangaben. Denn Quellenangaben sind kennzeichenend für Travestie…

der dunkle schirm · 2007-02-05 20:39 von schenedig_mäd
ich lese gerade einen artikel über Philip K. Dick und da wir ein buch angeschnitten, welches ich schon fast wieder vergessen habe, wie geniel dieses eigentlich ist.
just listen
”...Neben paranoiden Szenarien gehören „alternative“ Bewusstseinszustände zu den Grundrequisiten im Philip-Dick-Universum. Sie sind die Basis für die Auseinandersetzung mit der Realität. Wie diese anderen Bewusstseinszustände/ Realitätsebenen erreicht werden, scheint bei Dick oft beliebig zu sein. Manchmal sind es veränderte Naturgesetze (die zurücklaufende Zeitlinie in Counter Clock-World ), manchmal sind es Maschinen, die eine künstliche Wirklichkeit erzeugen (wie in Ubik), manchmal sind es auch Drogen, die eine Tür zu einer anderen Wahrnehmung öffnen. In LSD-Astronauten (The three stigmata of Palmer Eldrich) versucht sich ein industrieller Drogenhändler, der im All verschollen war, einen Platz an der Macht zurückzuerobern. Er setzt dazu eine Droge ein – was eine völlige Verzerrung der Wirklichkeit zur Folge hat. Palmer Eldrich gilt als eines der Drogen- Kultbücher der späten 60er-Jahre, und es spiegelt deutlich Dicks eigene Drogenerfahrungen wieder. Anfang der 70er-Jahre, kurz bevor er mit der Arbeit an Der dunkle Schirm (A Scanner Darkly) begann, arbeitete er – nach einem Selbstmordversuch aufgrund einer gescheiterten Ehe – kurzzeitig in einem Drogen-Rehabilitationszentrum in Vancouver. Der dunkle Schirm ist Dicks zweite und persönlichste Auseinandersetzung mit Drogen. Der Roman ist nur wenige Jahre in der Zukunft angesiedelt. Drogen-Agenten in so genannten „Jedermann-Anzügen“ (durch die sich die Agenten auch untereinander nicht erkennen) überwachen die Stadt. Ein Agent, der durch seine Tätigkeit zum Drogenkonsum gezwungen wird, verliert jeglichen Realitätsbegriff und überwacht sich selbst. Schließlich findet er heraus, wer die Süchtigen mit Drogen beliefert: die Regierung selbst, denn in Wahrheit handelt es sich bei den Rehabilitationszentren um Plantagen. Der dunkle Schirm gewinnt vor allem durch die autobiografischen Züge: im Nachwort findet sich eine Liste von Freunden des Autors, die ihre Drogenkarriere nicht überlebt haben…”
den kompletten txt gibs hier
http://www.volltext.net/publish/artikel.shtml?id=889
und wer dieses buch lesen möchte sucht unter “der dunkle schirm” oder im original “a scanner darkly”. jede gut sortierte bücherhalle hat auch philip k. dick, weil seine besten roman von HEYNE gerade neu aufgelegt wurden.
