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Schrumpfschlauchkauf · Sep 9, 13:26 von ich

Der Umgang mit der Zeit, in ständiger Veränderung. Der Blick gleitet auf die Uhr. Ein Mann an der Alster fragt mich, wie spät es ist. “Wie genau? Reichen plus minus 5 Minuten?” “Hast du keine Atomuhr im Courierbag?” Nein, die habe ich nicht, denn ich hab’ es im Urin, brauche keine Genauigkeit, bin Maschine genug, um ein Leben zu führen. Menschen sind wie Datenbanken: _INPUT > _COMPUTE >_OUTPUT manchmal zurück zum _INPUT usw. Dazwischen einer dieser kurzen erhellenden Augenblicke, es voll geblickt zu haben, eine Stimmung, die eine schwer erträgliche analytische Kälte mit sich bringt. Aber was solls? Die Ultimative Erkenntnis, gespeist aus dem Bedürfnis neuer Kicks, ausgelöst durch das Bedürfnis, nicht auf der Stelle treten zu wollen. Hochsommer, noch ein letzter Tag, bevor der lange Winter kommt und die Mädchen mit den kurzen Röcken aus dem Stadtbild verschwinden. Wohin eigentlich? Jedenfalls stehen sie dann auch nicht mehr im Weg, bei dem Ritt durch die Stadt der verschlungenen Pfade, in der ich zeitliche Verankerung suche, tatsächlich schon längst gefunden habe, nein, garnicht suchen brauche, denn die Zeit verläuft nicht linear, sondern verschlungener als die Wege und Strassen. Kein Wunder, dass es so einfach ist, die Raumzeit zu verdrehen und zu verbiegen, die innere Atomuhr an die äußere nicht anzupassen. Ich stehe in der Schlange im Fachmarkt für Elektronikzubehör, vor mir die Tüftler und Löter, diejenigen, die mit jeder Lötstelle der Erleuchtung näher kommen und der Verdammung ferner werden – ein Resultat der inhalierten Flussmittel, weil sie die 19.95€ für die Absauganlage aus dem Sonderangebot nicht zahlen wollen. Geizkragen, sie sehen aus als würden sie kein direktes Sonnenlicht vertragen und für einen Moment kann ich ihre Wohnung sehen, die dicken Gardinen, durch die nur ein wohldosierter Anteil tageslichtähnlicher Helligkeit kommt, gerade soviel die Entspiegelung des Monitors verträgt, auf dem ein Platinenlayout dargestellt ist. Sie haben spezielle Fragen, die meine Geduld auf die Probe stellen, endlich bin ich an der Reihe, darf meinen Wunsch äussern: “4m Schrumpfschlauch, schwarz, elastisch, 5mm nach Schrumpfung, wenn möglich kein Polyolefin”. Haben sie nicht, auch gut, dann nehm ich doch Polyolefin, sonst war der weite Weg durch dichte Abgaswolken, Lärm und Gestank umsonst. Und wie tief habe ich inhaliert! Kann mir garnicht vorstellen, wie es wohl vor 100 Jahren war, als noch Pferdemist auf Kopfsteinpflaster vor sich hin weste. Sicher hätte ich die Pferde und Menschen damals genauso verdammt wie heute die Maschinen und ihre maschinengleichen Bediener. Die Frau zum Beispiel, die mir am Tresen des Elektrofachmarktes den Schlauch verkaufte – war sie noch Mensch, oder einer der ersten Prototypen hauseigener Verkaufsroboter? Sie sagte etwas beim abschneiden des Schlauches, was ich nicht verstand, als ob die case relativity ihrer database noch nicht auf dem letzten Stand ist. Ich stutzte, sie hatte tatsächlich keine Ahnung von Schrumpfschläuchen, ich bemerkte es schnell und war ein wenig enttäuscht, denn ich war angetörnt von der Atmo des Marktes und in der Stimmung mich über die jeweiligen Vor- und Nachteile der Produkte zu unterhalten. Schliesslich wollte ich die die Schläuche ihres eigentlichen Zweckes entfremden, da ist es wichtig über die Produkte mehr zu wissen, als ich von den Etiketten ablesen kann. Doch dann realisierte ich die komische Stimmung, beim durchlesen und auswählen, zwischen den Gesprächsfetzen, in der hintersten und finstersten Ecke der ansonsten hellen und über-übersichtlichen Verkaufshalle. Unwohlsein erpackte mich und ich erschrak. Wie kam ich hier her? Was mache ich hier? Ich dachte an die vielen, buchstäblich unzähigen, Möglichkeiten, in denen die einzelnen mich umgebenden Kondensatoren, Widerstände, Dioden und Kabel zusammengesetzt werden konnten und dass es einzig die menschliche Ratio von Sinn und Unsinn trennt. Überhaupt sehe ich in solchen Läden den Schrott der Zukunft. Eine Platine mit hochgiftigen Flammschutzmitteln, die neben einem Steinpilz in den weichen Waldboden versinkt, die der Pilzfreund nicht sieht, was vielleicht auch besser ist, weil es ihm gründlich den Appetit* verhageln könnte, der dann in Ekel umschlüge. Ich muss in solchen Momenten noch tiefer durchatmen, in der Hoffnung, die Filter der Klimaanlagen wurden gereinigt, erinnere ich an Bilder aus der sogenannten Dritten Welt, unbeachtete Straßenszenen, Kinder, die einen kräftigen Schluck aus dem Rinnstein nehmen und dabei lächeln, als wäre es teuerster Champagner. Der Mensch ist ein zähes Wesen. Ein paar nanometer-feine Staubkörnchen, entstanden durch die Verbrennung in einem Hubkolbenmotor mit modernster Einspritztechnik**, sind harmlos wenn die Statistik nicht interessiert. Aber die Verkäuferin, die den ganzen Tag im fahlen Kunstlicht steht hat verdammte Ähnlichkeit mit dem ungeliebten Gummibaum in der Ecke einer Neubauwohnung. Ihr traue ich zu, dass sie irgendwann aus ihrem Traum erwacht und das Potential der Teile, die sie jahrzehntelang verkauft hat, erkennt: “Was machen die Kunden eigentlich damit?”, “Wozu braucht man QUARZ 2.4576 MHZ/HC 18 U/HC 49 U?” dürfte es in ihrem Kopf spuken, woraufhin sie sich in die Materie der Steuerungs- und Regelungs- oder Funktechnik einarbeitet. Dann gehört auch sie zu den Kabelfreaks und nur eine Nuance, ausgedrückt im Dopaminlevel, entscheidet ob sie weiterhin Verkäuferin im Elektronikmarkt bleibt, oder ob sie sich den im Untergrund agierenden anarchistischen Rotten anschliesst und eine entscheidene Figur in der Geschichte dieses Planeten wird, weil sie ihre neu erworbenen Er-kenntnisse dem “Transformativen Erwachen der Welt” – wie sie es dann nennen wird – widmet. Ihr vergangenes Leben wird ihr vorkommen, wie das eines Gummibaums in der Ecke eines Zimmers, dass durch Gardinen diffus beleuchtet wurde. Der Schleier ist dann zerrissen und nachts schleicht sie in den Stadtpark, um sich von Fallobst und Eicheln zu ernähren, ab und zu erlegt sie mit ihrem selbstentwickelten Fazer ein Eichhörnchen, dass sich auf Knopfdruck in eine Rehkeule mit Rotkohl und Kartoffeln mit Soße verwandelt. Ha. Bzzzt. Hmmm. Ich verlasse den Fachmarkt und kollidiere beinahe mit einem jungen Mädchen, die mich mit ihrem Damenrad auf dem Bürgersteig rechts überholt, während ich schwungvoll nach rechts abbiegen will. “Öy Mann”, grunze ich ich adrenalingeladen. Immer schön links bleiben. An einer Ampel zur Überquerung der großen innerstädtischen Bundesstraße wartet ein Junge mit ölverschmierten Händen auf seinem Rad, der gezielt einen neuen BMW anrotzt. Richtig so, scheiss bajuwarische Blechhaufen, mit Propeller auf der Motorhaube und doch nicht fliegen können. Er fährt bei Rot, während ich die Pause geniesse. Ohne Eile, ausserhalb des Taktes der Stadt, völlig unsynchronisiert, nicht ohne Bewunderung für dieses Konstrukt. Warum hat der Mensch die Maschinen erfunden? Ist ein ZUVIEL möglich? Zuviel Technik, die Mensch zwischen sich und die Natur klemmt, worauf sich der Mensch zu sehr von seiner eigenen Natur entfremdet? Nicht solange es 200’000 verschiedene Schrumpfschlauchvarianten in Fachmärkten gibt, in denen glückliche Roboter arbeiten. Warenfetisch durch Chromglanz. Transzendenz durch Politur.

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*Unter Appetit (lat. appetitus cibi – Verlangen nach Speise, v. appetere = haben wollen) versteht man einen psychischen Zustand, der sich durch das lustvoll geprägte Verlangen, etwas Bestimmtes zu essen, auszeichnet. Damit unterscheidet er sich als psychologisches Phänomen von dem in erster Linie physiologischen Gefühl des Hungers. Das Gegenteil von Appetit auf eine Speise ist Ekel. [Wikipedia]

**Ich verzichte nicht auf Technikfetischismus und Zahlenmagie an dieser Stelle: “PIEZO”, “2500 BAR”

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    — wkwhpl    Sep 20, 16:54    #
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    — sawckil    Sep 20, 17:24    #

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